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Tunnelgeschichten

Nur Worte

SIE stand treu zur Seite Widukinds bis der Verrat geschah.
Eingemauert. Betrogen. Gebrochen. Vergessen. Verraten.
Die Zeit verging. Andere kamen und gingen. Wir blieben in IHREN Tunneln.
Ahnungen IHRER Präsenz.
Dann kehrten die Verräter zurück.
Herrschten. Feierten. Spielten.
Sie erfreuten sich ihrer Dekadenz auf IHREM Verlies.
Dann offenbarte SIE allen die wahre Hässlichkeit der Schönen und Mächtigen.
Den Verrat. Die Hinterlist. Die Machtgier. Den Mord.
Und sie fielen übereinander her.
Einer fiel. Eine weitere geraubte Seele.
Dann brannten sie. Die Domäne starb.
SIE soll es gewesen sein.
Nun wir die Domäne wieder aufgebaut.
Die Schönen und Mächtigen herrschen wieder.
Wir sind jedoch da.
Um zu erinnnern.
Wir erinnern sie, dass sie auf dem Thron sitzen mögen, dass die Stadt ihnen aber nicht gehört.
Wir erinnern an Patrizia von Braband.

-Gabriel Bennet, Ancilla der Nosferatu

Schatten, Blut und Zorn

Der Körper liegt auf einem groben Tisch, das Holz wurmstichig und teilweise rissig. Grauer Schimmel wuchert in den Rillen und die Tischbeine stehen in schalen Wasserpfützen, in denen träge weiße, teigige Würmer treiben.
Die Luft ist stumm, so wie der Körper, gehüllt in eine alte, zerfetzte Hose aus Leder, einen alten Armeemantel und eine schmutzige Kapuze aus grobem Stoff. Die Kleidung, vielfach zerschnitten und zerfetzt von zahllosen Axt- und Schwerthieben, verbirgt kaum den Körper darunter, in dessen vertrockneter Haut sich die Risse der Kleidung in eingetrockneten, tiefen Wunden widerspiegeln.
Das Gesicht ist eingefallen und wird von der langen, dünnen Nase betont, ein trockener Stachel in dem fast mumifiziertem Gesicht. Die Lippen und das Zahnfleisch sind zurückgezogen von den Hauern, die sonst in der Tiefe des verformten Maules verborgen sind. Die Augen sind geschlossen, doch die so geschützten Augäpfel sind vertrocknet und eingesunken. Der Körper liegt in tiefer Starre, die Arme ausgebreitet, die überlangen Fingern in Kleidungsfetzen versunken, als versuche dieses Wesen noch im Tod, jemand anderen ins Verderben zu reißen.

Nichts rührt sich, bis aus dem Nichts ein tiefroter Tropfen fällt und auf der Zunge in der Tiefe des Mundes aufschlägt und staubige Fetzen der vertrockneten Schleimhaut aufwirbelt, bevor er aufgesogen wird. In der Schwärze herrscht wieder Stille, doch ist sie tiefer, drückender und unter der Decke scheint sie sich zu sammeln, fast greifbar zu werden. Ein zweiter Tropfen unvermittelt, wieder trifft er die Zunge, wird aufgesogen und ein erstes Zucken geht durch den erstarrten Vampir. Die Reißzähne gleiten weiter aus dem Oberkiefer und ein dritter, letzter Tropfen erweckt den schlafenden Nosferatu.

Die Wunden beginnen sich zu schließen, als das alte Blut seine Wirkung entfaltet, drei Tropfen alleine wirken schneller als drei Gläser der schalen Flüssigkeit, die auf den Elysien der Toreadorprinzessin dieser Stadt gereicht wird.
Der Körper richtet sich auf, Staub und Erde lösen sich von Kleidung und Haut. Ruckartig fällt der Körper zu Boden, fängt sich dann aber und beginnt einen seltsamen Kampf gegen die Finsternis. Wuchtig reißt der Vampir die Arme herum, schlägt blindlings umher, die Augen fest verschlossen. Seine Fäuste und Krallen hinterlassen mit ihrer unmenschlichen Stärke tiefe Spuren in den Wänden. Erst nach und nach lässt die ziellose Wut nach. Der Vampir kauert sich in einer Ecke zusammen, und öffnet erst jetzt vorsichtig die Augen, beobachtet zuerst den Boden, dann die Wände und den Tisch. Die Augen verengen sich zu Schlitzen, denn er fühlt sich hier heimisch, hier unten in der Tiefe, doch dass mag nur eines von den vielen Bildern von Vergissmeinnicht sein, vorgegaukelt um ihn in die Verzweiflung zu treiben, das Werk des Sabbats zu vollenden.

Erst nach einigen Minuten stößt er ein lang gezogenes, zischendes Pfeifen aus, und einige räudige Ratten, die nicht durch Blut oder einen anderen Willen gebunden sind, nähern sich zögernd aus ihren Ritzen. Sie lassen es zu, dass der Vampir sie vorsichtig ergreift und gedankenverloren zwischen den Ohren krault, bevor er ihnen den Kopf abbeißt und ihr Blut säuft.
Noch immer abwesend greifen die Finger die toten Tiere, und die scharfen Fingernägel trennen den Pelz vom Fleisch. Dann beginnt er, die schlimmsten Risse des Mantels zu flicken – Die Pelze dienen als Flicken, die Rattenschwänze als fleischige Fäden. Die Augen sind wieder fast geschlossen, als die Hände die vertraute Arbeit langer Jahre vollbringen und die Lippen summen ein stummes Lied, bis sich der Vampir wieder beruhigt hat, obwohl da immer noch eine nagende Sorge ist, die nichts mit diesem rätselhaften Ort oder dem Sabbat zu tun hat. Endlich kann er wieder denken, kann wieder ängstlich sein, auch wenn ihm dies noch immer nicht so gelingen will. Denn im Innersten zittert er noch immer vor Zorn darauf, doch einen Sabbat hier zu finden, den er mit seinen Händen zerreißen will, solange, bis keiner mehr übrig ist von denen, die sein Brüderchen Karl getötet haben. Ja, der Sabbat wäre ihm jetzt hochwillkommen, denn dann könnte er die Erinnerung verdrängen an die vielen Süppchen, die ihm die Hexe kochte und köstlich mit ihrem Blut würzte, um ihn zu ihrem braven Sklaven zu machen. Erinnerungen geweckt durch den furchtbaren, schrecklich köstlichen Geschmack von Alter und Macht auf seiner Zunge.
Eine Türe. Dort, wo vorher noch nichts zu sehen war. Der Vampir zieht den Mantel enger um sich, genauso wie die Schatten, mit denen er verschmilzt.
Er tritt hindurch und folgt dem Gang, die Stufen hinauf, dem Wasser entgegen, das in schmalen, schleimigen Rinnsalen in die Dunkelheit fließt, die mit jedem seiner Schritte die Mauern hinter ihm verschlingt, als ob es sie nie gegeben hätte. Und für Tölpel hat es das auch nicht.

Ein neuer Raum öffnet sich, bewohnt, wenn nicht belebt. Müll und Abfall am Boden, dazwischen kleine Bewegungen viel zu großer Insekten, Computer, deren Innenleben sich auf den Boden ergießt und deren Kabel sich zu Netzwerken verbinden, flackernde Monitore auf denen Kamerabilder, Zahlenreihen und Codes in rasendem Wechsel vorbeizucken. Gabriels Gesicht wird von dem flackerndem Licht beleuchtet, es zeichnet die Falten seiner wachsartigen, geschmolzenen Haut auf unwirkliche Art und Weise.
Auf einer zerrissenen Couch sitzt Karl Sperl, der vernichtet geglaubte, seine grüne Haut glänzt feucht, seine Augen sind blutunterlaufen und rot wie das Metall der Feuerwehraxt, die er zwischen seinen Händen dreht.

Tölpel lässt die Schatten von sich fallen und tritt den Clansgeschwistern entgegen, die sich ihm zuwenden, überrascht, dann erfreut, dass der Schlafende schon jetzt wieder erwacht ist. Doch Tölpel stutzt, bleibt stehen, und mustert mit Misstrauen Karl und Gabriel. Seine Stimme ist noch immer trocken und rauh, als sie unter der Kapuze hervorklingt: ‘Wes’ Blut ward mir gegeben und wie oft musst ich’s saufen…?’
Kaum sind diese Worte gesprochen verändert er sich, erst langsam, dann schneller. Er richtet sich auf, erst wird sein Mund im Schatten der Kapuze sichtbar, die Blutzähne weit über die Lippen geschoben, dann die Augen, mit einem lauernden Glühen unter den Hornauswüchsen des Schädels. Die Knochen knacken, als sich die Finger zu Krallen verkrümmen.

Gabriel muss nur kurz nachdenken, dann sucht sein Blick die Schatten unter der Decke und leise murmelt er die Worte ‘Brabant’ und ‘Kind’…
Kurz hallen diese Worte im Raum, dann sackt Tölpel innerhalb von Sekunden wieder in sich zusammen, er zieht den Kopf zwischen die Schultern.

‘Oh weh. Ist’s doch nur so, dass ich das alte Blut spür’ in mir. Und es gemahnt mich doch an die Hex’, die mir ein Süpplein kochte dazumal, wenn ich ihr ein artiger Knecht war, auf dass ich sie lieb und ehr’, auch wenn sie gar streng und garstig zu mir war.’

Bei diesen Worten geht ein leichtes Zittern durch den Körper, als alte – und sorgsam verborgene – Erinnerungen von neuem erwachen. Er fährt fort:

‘Und da wurde es mir doch gelehrt, dass es schlimm ist, einen mit dem Blut zu binden.
und wenn’s die Baba Brabant war, das Großmütterchen, die Babuschka selbst oder aber ihr Kindelein, wie soll ich’s denn da aushalten alldieweil diese doch so viel älter und mächtiger ist als alle anderen die da sein mögen…’

Er zögert etwas, scheint sich selbst zu hören und zu erschrecken. Hat er etwa zu viel gesagt? Etwas offenbart? Von dem, was er fürchtet? Wieder das Zittern, doch dann findet er die Rettung und flüchtet sich auf vertrautes Gelände.

‘Und dann ist es ja so, dass ich so einen feinen Tropfen gar nicht wert bin, weil ich ja nur ein Tölpel bin und gerade einmal gut genug, mich tief vor der Babuschka in den Dreck zu werfen, wenn sie vorübergeht, was ich ja nicht sehen könnte, und überhaupt ist’s mir ganz arg, dass mir so viel Ehr’ zuteil wird…’

Während er spricht zuckt seine lange Nase etwas, und er blickt in die tiefen Schatten des Raumes und der Decke und verneigt sich ziellos.

‘Aber da will ich mich nun fein anstrengen, damit die Babuschka nicht umsonst so ein großes Geschenk macht, und will ihr fleißig dienen, auch wenn ich’s nur recht weiß zu putzen und zu flicken und zu wienern und zu kochen und sonst nicht viel…’

Nach diesem langen Satz wackelt Tölpel von der Arbeitswut gepackt wieder von einem Bein auf’s andere, scheinbar wieder ganz der Alte, erpicht darauf, sich wieder dem Clan als wert zu erweisen. Karl und Gabriel schließen Tölpel in ihre Arme, und bald darauf finden sie sich im Rat vertieft und tauschen Wissen aus über die Dinge, die in der Zwischenzeit geschehen sind und wie man sie nützen kann. Erst als der Morgen irgendwo über dem Asphalt seine nebeliges Licht erstrahlen lässt, verlassen die Nosferatu schweigend den Raum, ihre Umrisse werden eins mit der Dunkelheit. Nur Tölpel wendet sich noch einmal um, die Schatten zerren an seinem Mantel, an seiner Kapuze, als er den Raum mustert und ein rotes Glühen in seine Augen tritt, als er den Zorn spürt, der in ihm ist. Oder in ihr?

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