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Feuer und Flamme

…Müdigkeit überkam mich, obwohl ich mich mit der Zeit daran gewöhnt hatte, dass mit dem Aufgang der Sonne die Kraft schwand. Aber sie hielt mich wach. Sie, die mit mir die letzten zehn Jahre verbracht hatte. Ich kannte sie, oder vielleicht doch nicht, denn es gab Dinge, über die wir nie sprachen. Nicht, weil wir es nicht durften, sondern weil es nie eine Rolle gespielt hatte.

Sie, mein Mond, vielleicht auch meine Sonne, der Stern, der strahlte, der mir Kraft gab, und zugleich der Sog der Dunkelheit, der mir das bisher größte Geschenk meines Lebens gab.
Mein Feuer, meine Flamme, mein Halt in dieser Welt.
Seit sie mich zu sich geholt hatte, um mir die entscheidende Frage zu stellen. Natürlich hatte ich eingewilligt, ohne zu wissen, dass ich nie wirklich eine Wahl hatte. Es gab keine blaue Pille, auch wenn es damals auf mich so wirkte.
Aber, wie sagt man so schön… zur rechten Zeit am rechten Ort. Oh ja, das war sie, definitiv. Und ich wohl auch, oder? Sicherlich muss es so gewesen sein. Warum… tja, das würde die Zeit zeigen.
Und nun stand sie da, strahlend schön, vor der verschlossenen Tür, die den Todfeind unserer Art von uns fern hielt. So weich, so zart, und doch eine gebündelte Urgewalt, versteckt hinter dem leicht wahnsinnig machenden Lächeln. Ob ich verrückt wurde… mit Sicherheit auch das.
Langsam schritt sie, elegant und leicht, auf mich zu, eingehüllt in ihren Bademantel. Früher hätte ich mich vor so einem Anblick niemals zurückhalten können, aber dank ihrem Geschenk war ja alles anders geworden. Dennoch brannte das Feuer lichterloh. Ob ich sie liebte… sehen Sie mich lächeln? Mit Sicherheit lächle ich.
Sie öffnete langsam ihren Mund, umrandet mit schmalen Lippen, und ihre schmalen und längeren Fänge kamen zum Vorschein… der Wolf im Schafspelz, ach nein, im Bademantel.
“Alles… alles was du gelernt hast, hatte Gründe. Und du warst ein aufmerksamer Schüler.” Sie schaute auf den Boden vor mir. Trauer schien sie in diesem Moment zu umhüllen, und leicht kroch mir ein Schauer den Rücken hinunter…fast wie damals, vorher.
“Alles, was ich dir zeigen konnte, habe ich dir gezeigt.” Ihre Stimme klang wie Balsam, und zugleich stachen Dolche und Schwerter auf mich ein, so eisig war ihre Gestalt dahinter.
“Alles, wirklich fast alles, hat ein Ende, Michael.” Was geschah nur… eine Träne lief ihre Wange herunter. Tränen, die Menschen nicht weinten. Süß roch sie, die Träne, und das Feuer erbebte.
“Ich werde nun gehen. Ich muss. Ich darf nicht weiter. Aber ich werde nie gehen, verstehst du?” Ich war wie geschockt. Wie meinte sie das nur.
Langsam ließ sie den Bademantel von ihrem Körper gleiten. Was hätte manch einer für den Anblick getan, aber das spielte nun keine Rolle mehr. Bedächtig griff ihre Hand zur Türklinke.
“Irgendwann, Michael, wirst du es verstehen. Lass dir Zeit, es könnte mehr oder weniger sein, als du jemals zu finden gehofft haben könntest. Hör auf mich, jetzt und immer.” Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn.
“Alles, alles für dich.”
Sie öffnete die Tür.
Tausende Nadeln stürzten durch die Öffnung, stachen und schlitzen an ihrem Arm und meinen Augen. Sie lächelte noch einmal.
“Wir werden immer sein.”
Und damit trat sie in die Türöffnung. Haut riss, perlte, brannte, verkohlte, so dass ich ganz versteinert war. Gedanken explodierten in meinem Kopf, ich sah wie sie brannte, wie sie alle brannten, roch es, spürte die Hitze an meiner Haut, das stechende, betörende Licht in meinen Augen, konnte den süßen Gestank schmecken… Ich sah auf. Eine brennende Gestalt stand in der Tür. Knochen wurden frei geschmolzen, Aschefleisch flog durch den Raum. Die Gestalt schaute nochmals zurück, ein wunderschönes Gesicht in der liebenden Umarmung der Flamme. Dann schritt der Leib aus grellen Feuern in die Freiheit, und erklomm glühend den Himmel, bis nichts mehr von ihr übrig war.
Unter Schmerzen schloss ich die Tür. Wirklich nichts mehr? Und da… da hörte ich sie… …wir werden dich immer begleiten… niemals wirst du alleine sein…
“Ja, niemals werden wir getrennt sein.” Sagten wir, und legten uns zur Tagesruhe, während Ströme aus glühend heißem Blut aus unseren Augen lief.
Niemals. Denn wir sind hier…

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