Seiten

Archive

Licht und Schatten

Harburg am Aprilvollmond 2008

Die Tür öffnet sich in einen düsteren Raum und ich kann kaum glauben, nach so langer Zeit und sehr viel Leid an einem Ziel zu sein. Ich schärfe den Blick meiner Augen, um sie schneller als üblich an die Dunkelheit zu gewöhnen und da sehe ich ihn, kniend vor dem kerzenerleuchteten Altar. Blitzschnell lasse ich meinen Blick durch den Raum wandern, während er zu sprechen beginnt. Ist er etwa allein? Ist das möglich? Ich kann niemanden sonst entdecken. Die Stimme kommt mir bekannt vor, woher kann ich nicht sofort sagen und so forsche ich anders danach, wen oder was ich vor mir habe.

Ich weiß nicht, ob es seine selbstgefällige Art ist, die mich ahnen lässt, welchen Geblüts derjenige ist, der da dreist eine Erklärung meiner Anwesenheit verlangt. Ich hebe selbst zu einer Belehrung über die Traditionen in meiner Domäne an, aber ich komme nicht zu Ende, mein kochendes Blut übernimmt das Regiment.

Schneller sein, nur schneller sein als er!

Ich lasse mein Schwert, das schon so lange nach seinem Blut lechzt auf ihn herabsausen und will ihn um jeden Preis daran hindern, in die Offensive zu gehen.

Du weißt was dann geschieht, Sofie. Du weißt und fürchtest es.

Da plötzlich schlägt mir das Donnern seiner Stimme entgegen und wirft mich zurück, bevor ich wirklich begreife, was da geschehen konnte.

Und alles läuft wie in Zeitlupe vor mir ab. Ich schwanke für einen Moment, mich zu fangen, fasse die Klinge fester, um mich ihm erneut entgegen zu stellen. Sein Gesicht zeigt ein Gefühl von genüsslicher Überlegenheit, als er die Hand nach der Finsternis in den Ecken des Raumes ausstreckt, die mit einem Schlag über mich hereinbricht, bevor ich wieder auf ihn zustürzen kann. In mir bäumt sich wie schreiend etwas auf, das mich zur Flucht drängen will, doch ich gebe dem nicht nach.

Die Dunkelheit wird zäh um mich und packt mit einem Griff zu, der eiskalt und brennend heiß zugleich durch mich hindurch geht. Nicht nur, dass die Schwärze mir fast vollständig die Sicht nimmt, je mehr ich gegen sie ankämpfe, umso mehr zieht sich die würgende Schlinge aus dunklen Schemen um mich.

Irgendwas in der Dunkelheit würde es hören – und es würde es nicht mögen.

Das Buch! Ich flüstere dem kleinen Bastard in der Sprache meines Sires zu, die Zeilen zu lesen. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, während der, den ich hassen gelernt habe, mit Spott für die Camarilla und mich im Speziellen nicht spart, bis sich endlich eine Stimme erhebt, die Worte zu sprechen, die alle Finsternis verjagen sollen. Die Stimme eines unschuldigen Kindes.

Ich spreche ein stummes Gebet. Die Schatten lichten sich wie Nebel, der mit dem Wind von der Elbe fortgetrieben wird, ihre Umklammerung löst sich von meinen Gliedern. Ich sehe mit funkelndem Blick unerschrocken in sein Gesicht, auf dem von Selbstgefälligkeit keine Spur mehr zu lesen ist, eher Wut und ein wenig Angst stehen da geschrieben. Und dabei habe ich nicht mal begonnen, ihn das Fürchten zu lehren.

Ich entfessele den Sturm, der von meinem Zorn über diesen Teufel genährt wird und jage dem in Panik davonstürzenden Widersacher nach. Meine Klinge durchschneidet singend die letzten Fetzen Schwärze und ich schlage wie wild geworden zu. Der Duft seines Blutes macht mich rasend und ohne es zu wollen oder verhindern zu können, komme ich ihm so nah, dass ihm der Gegenschlag gelingt. Sein schwarzer Stahl hat solche Wucht, dass ich nur mühsam einen Schmerzensschrei unterdrücken kann, zurückgeworfen werde und mich fast zwei Schritte von ihm entfernt wiederfinde.

Schon drängen wieder die Schatten zwischen ihn und mich, ich fühle meine Kräfte schwinden und nur eine Stimme hält mich aufrecht:

Spräche ich: Finsternis möge mich decken! so muss die Nacht auch Licht um mich sein. Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht…

Der Kleine saust an mir vorüber und hat den Pflock aus meiner Ausrüstung hervorgefischt, kämpft sich an den Schatten vorbei, die dem Teufel nicht mehr zu Willen sind und treibt ihm das Holz tief in sein schwarzes Herz, so dass ich jubeln will. Ich kann nur nicht, so trocken ist meine Kehle und ich muss in die Knie sinken, als ich erkenne, wieviel Kraft mich der Kampf gekostet hat. Ich fühle wie das Blut kalt an meiner Haut zu kleben beginnt, das meine Kleidung aufgesaugt hat.

Kaltes Entsetzen ergreift mich, als ich sehe, wie die schwarzen lebendigen Schemen ihn wie rachsüchtig auffressen und nichts mehr übrig lassen. Mein Pflock fällt ohne jeden Halt zu Boden in ein Häufchen Asche, das einmal mein ärgster Feind war.

Es wird strahlend hell um mich.

So hell wie nie zuvor.

Diesen Beitrag kommentieren

Du must angemeldet sein, um Kommentare abzugeben zu können.