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Hamburg bei Nacht

Du trittst auf die Straße und fühlst sofort, wie Deine Körpertemperatur um einige Grad sinkt. Die Empfindung an sich stört Dich schon lange nicht mehr, wird Dir nur halb bewusst. Du hast daran gedacht, warm aussehende Kleidung anzulegen, das muss für die Maskerade genügen.

Ohne nachzudenken gehst Du los, Deiner Gewohnheit folgend. Die Nacht ist jung, die Stadt ist voller Leben, und Du bist durstig. Zeit zu jagen.

In Gedanken spielst Du die Szene durch, die gleich folgen wird, die Routine jeder Nacht, die Dir buchstäblich in Fleisch und Blut übergegangen ist, versuchst, kleine oder größere Variationen einzubauen, um nicht zu vorhersagbar zu werden. Automatisch schärfen sich Deine Sinne, Du nimmst Deine Umgebung mit Deinem ganzen Körper wahr, bist hellwach. Fast meinst Du, das Beißen der Kälte auf Deiner Haut zu spüren, den Dampf, der aus den Gullideckeln aufsteigt, greifen zu können. Die Menschen, die Dir auf der Straße entgegen kommen, wirken wie mit spitzem Stift nachgezeichnet. Die Augen des Mannes, der gerade an Dir vorbeigegangen ist, scheinen im matten Laternenlicht zu leuchten.

Du stockst.

War das nur Deine gesteigerte Wahrnehmung, oder haben seine Augen wirklich geleuchtet? Und überhaupt, warum hat er Dich so eindringlich angestarrt?

Unwillkürlich drehst Du Dich um, doch die Straße hinter Dir ist leer.

Vielleicht war es doch nur Einbildung.

Etwas weniger schwungvoll gehst Du weiter und biegst in eine belebtere Straße ein. Paradox, dass Dich die Gesellschaft Deiner Opfer glauben lässt, Du wärst sicherer. Aber besser als gar keine Gesellschaft.

Kaum bist Du ein paar Schritte gegangen, als sich die Fahrbahn in ein Inferno aus Lärm und Licht verwandelt. Einen Moment lang erstarrst Du, geblendet, bis Du das Geheul als Martinshorn erkennst. Das Feuerwehrfahrzeug ist jetzt fast auf Deiner Höhe, und die Lautstärke wird unerträglich. Du kannst nicht anders, Du drückst Dich in einen Hauseingang und wartest, bis die Fahrzeugkolonne vorbei ist. Dreimal Feuerwehr, dann fünf Einsatzwagen der Polizei, dann noch mal Feuerwehr. Ein paar Kreuzungen weiter biegen sie ab. Stille. Dunkelheit. Du würdest aufatmen, wenn Du noch atmen würdest.

Statt dessen schließt Du kurz die Augen, um Dich an die wiederhergestellten korrekten Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Öffnest sie wieder und starrst direkt in das Gesicht einer Frau undefinierbaren Alters.

„Kann ich Ihnen helfen?“ In ihrer Stimme schwingt Misstrauen mit. Wahrscheinlich hält sie Dich für einen Junkie oder einen Spinner. Oder…?

Du murmelst etwas von Tinnitus und lärmempfindlich und drückst Dich an ihr vorbei. Wagst nicht, Dich nach ihr umzudrehen, bis Du um die nächste Ecke gebogen bist. Solltest nicht Du derjenige sein, vor dem die Leute Angst haben?

Ein einzelnes Polizeiauto fährt an Dir vorbei, diesmal nur mit Blaulicht, ohne Sirene. Du stutzt. Die fahren ja alle in die falsche Richtung. St. Pauli liegt doch genau entgegengesetzt…?

Solche Großeinsätze sind doch normalerweise immer dort? Du überlegst, und vielleicht liegt es nur daran, dass Du Dir Gesellschaft von Deinesgleichen – wirklich Deinesgleichen, jemand, der Deine Ansichten und Deine Auffassung vom Unleben zumindest in Grundzügen teilt – wünschst, aber Dir fällt ein, dass das Wu Dao genau in der Richtung liegt, in die die Kolonne gefahren ist. Du schüttelst den Kopf. Hamburg ist groß. Jede Nacht passiert irgendwo etwas. Du musst nicht alles auf Dich und Deine Art beziehen. Oder? Oder?

Du beschleunigst Deine Schritte, tauchst ein in die Schatten der unbeleuchteten Seitengasse. Jede Lust an der Jagd ist Dir vergangen. Du wirst nur schnell und unauffällig und so risikolos wie möglich Deinen Durst stillen, und Dich für den Rest der Nacht zurückziehen. Missmutig spähst Du nach potentiellen Opfern und zuckst zusammen. Hat sich dort im Schatten zwischen den Häusern etwas bewegt? Du bleibst stehen und starrst auf die Stelle. Für einen Menschen wäre es unmöglich, sich dort zu verstecken. Für einen Menschen.

Nichts. Da ist nichts.

Gerade, als Du wieder weitergehen willst, glaubst Du erneut eine Bewegung wahrzunehmen, diesmal auf der anderen Straßenseite. Du machst ein paar Schritte, langsam und zögerlich erst, dann ohne es zu wollen immer schneller, bis Du fast läufst.

Erst ein paar Blocks weiter bleibst Du abrupt stehen. Nicht weil Du erschöpft bist oder weil das Gefühl der Bedrohung nachgelassen hätte. Sondern weil Dir bewusst wird, dass Du direkt auf die Elbe zuläufst. Dort hinter der nächsten Häuserreihe zieht sie sich durch die Stadt, ein glattes, ruhiges Band aus Dunkelheit mitten in der rastlosen Nacht. Vor Deinem geistigen Auge siehst Du die schwarz-graue Oberfläche, die bunte Lichter reflektiert… und die von etwas durchbrochen wird, etwas formlosem, schleimigem, monströsem. Fünf davon habt ihr erwischt. Wie viele gibt es noch?

Dein Durst ist nur noch ein lästiges Gefühl im Hintergrund, verdrängt von etwas anderem. Du hast Angst. In Deiner eigenen Stadt, in Deinem Viertel, Deinem Jagdrevier, hast Du Angst, Dich frei zu bewegen.

Der Sabbat ist in Deiner Stadt!

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